Stiftung Lucerna
Fotogeschichte: Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

Heft 149 | 2018| Jg. 38 ISBN 0720-5260
Thomas Steinfeld, Valentin Groebner (Hg.)
«Kann man das wegwerfen? Fotografie, Gedächtnis, Ökonomie»

Das Ende der Analogfotografie in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts hat aus allen ihren Produkten Zeugnisse einer unwiderruflich vergangenen Epoche gemacht. Die digitalen Bilderströme haben ältere Fotos, die früher alltäglich, selbstverständlich und sogar banal waren, in potentiell knappe Güter verwandelt: kostbare Augenblicke, Fragmente einer verschwundenen Welt, Sammlerstücke. Ein kleiner Teil dieser vielen Bilder wird publiziert oder zumindest einer rudimentären Öffentlichkeit gezeigt. Gerettet vor der drohenden Zerstörung, werden die Fotografien aber neuen ästhetischen und ökonomischen Auswahlkriterien unterworfen. Sie beginnen in neuen Umlaufbahnen zu zirkulieren, die mit ihren ursprünglichen Herstellungszwecken
und Gebrauchskontexten häufig wenig zu tun haben. Aus privaten Ansichtskarten werden Museumsobjekte, Negative werden komplexe Archivgüter, und banale Pressefotos und nüchterne Industrieaufnahmen Kunstwerke. Wer über ein gegenwärtiges Verhältnis zur analogen Fotografie nachdenkt, wird bei der Frage nach einem Begriff der Vergänglichkeit, nach einer Epistemologie von Zufall und Zerfall ansetzen müssen. Müssen wir Fotografien aufheben, für immer? Oder kann man sie wegwerfen?