Stiftung Lucerna
Tagung 1998

Materialität, Immaterialität und Archäologie der Materialien
Die Materie ist entschwunden ? die Materialien sind geblieben. Die Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Erforschung der materiellen Natur und dem sinnlichen Umgang mit Materialien und Stoffen ist zwar bekannt, doch wenig problematisiert. «Materie» ist (oder war) so etwas wie die Basis unserer Welt und konnte als die Vertiefung oder Verallgemeinerung unserer stofflichen Erfahrungen verstanden werden. Im Verlaufe der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte seit Aristoteles wurde sie stets abstrakter und für den Alltagsverstand eine Unbekannte, behielt aber doch den Status als «unterste», «gröbste» oder «fundamentalste» Wirklichkeitsschicht. Die Vielfalt der uns umgebenden Stoffe ist unübersehbar geworden ? und doch wird die sichtbare und tastbare Welt im wissenschaftlich-technischen Zugriff unsichtbar und unertastbar. Der Vorrang des Visuellen und Visuell-virtuellen in der Informationsgesellschaft bewirkt eine beschleunigte Entmaterialisierung der erscheinenden Welt, so dass heute mit einigem Pathos der Sieg des Wissens über die Materie verkündet wird. Diese Situation unter den Stichworten Materialität, Immaterialität und Archäologie der Materialien grundsätzlich zu reflektieren und Wege zu einer neuen Rematerialisierung zu erwägen, sind die Ziele dieser Tagung.