Stiftung Lucerna
Tagung 2006

Kultur und Konflikt
Dass Kultur im Namen der Kultur Kultur zerstört, ist ein ebenso altes wie aktuelles Phänomen und beschäftigt die Geschichte der Kulturgeschichtsschreibung spätestens seit Thukydides. Kants Prophezeiung, der zufolge mit zunehmender Kultivierung der modernen Zivilisationen die Wahrscheinlichkeit von Kriegen abnehme, hat sich als ein fataler Irrtum erwiesen. Die Weltkriege standen erst bevor, die "neuen" Kriege übertreffen diese möglicherweise noch an Zerstörungswirkung. In allen Fällen waren bzw. sind Kulturkonflikte entweder die Ursache oder die Wirkungen dieser historischen Katastrophen. Stets wurde deutlich, dass der Krieg nur eine Manifestation unter mehreren darstellte, die Konfliktuosität von Kultur und die Kulturrelevanz von Konflikten zu zeigen. Kultur generiert nicht nur permanent neue Güter und Werte, die zu ihrer Bereicherung beitragen, Kultur ist auch Schauspiel einer eigentümlichen Dialektik zwischen Selbsterhaltung und Selbstzerstörung – im globalen sowohl als im regionalen Massstab. Die neuen Kriege und die mit ihnen einhergehende Einteilung in gute und böse Teilwelten (Jihad, heilige Kriege, Terrorismus) finden offener im Namen der Kultur statt, als dies bei früheren Kriegen der Fall gewesen ist. Die regionalen Koexistenzzwänge unterschiedlicher Kulturen führen zu steigender Konfliktbereitschaft zwischen Parallelgesellschaften. Und innerhalb der bislang eher homogen entwickelten Kulturen sind keineswegs Kräfte nachgewachsen, die dieser Entwicklung aussichtsreich widerstehen könnten.

Die Frage stellt sich, ob Kultur und Kulturen die Gesellschaften und ihre Politiken erst in die konfliktträchtigen Situationen treiben, die zu lösen sie beauftragt sind, oder ob das Verhältnis zwischen Kultur und Politik zu unausgeglichen ist, als dass die Ressourcen der Kultur sich befriedend auf die Politik und das soziale Leben auswirken könnten.

Kulturen reflektieren die Konflikte, die sie selbst mit erzeugen, allenthalben – in der Kunst, der Literatur, der Wissenschaft oder in der Religion. Die Tagung "Kultur und Konflikt" will repräsentative Kulturtheoretiker zu Wort kommen lassen, um der Frage nach der Interdependenz von Kultur und Konflikt anhand exemplarischer Beispiele auf den Grund zu gehen.


ReferentInnen


Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann
Professor em. für Ägyptologie
Universität Heidelberg

Olgu und Murat Cevik
Künstlerin und Studentin, Bern / Flötist, Winterthur

Prof. Dr. Valentin Groebner
Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte des Mittelalters und der Renaissance
Historisches Seminar der Universität Luzern

Prof. Dr. Gudrun Krämer
Professorin für Islamwissenschaft
Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin

Dr. Rudolf Meyer
Präsident der Stiftung Lucerna

Prof. Dr. Gabriel Motzkin
Professor am Institute of Arts and Letters, Faculty of Humanities
Hebräische Universität Jerusalem

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin
Kulturstaatsminister a.D., Professor für Politische Theorie, Geschw.-Scholl-Institut
für Polit. Wissenschaft der Ludwig-Maximilians-Univ. München

Prof. Dr. Hans-Georg Pott
Professor für Neuere Deutsche Philologie, Germanistisches
Seminar an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Prof. Dr. Harald Welzer
Leiter der Forschergruppe "Interdisziplinäre Gedächtnisforschung" am KWI Essen, Professor für Sozialpsychologie
an den Universitäten Hannover und Witten-Herdecke




Tagungsprogramm


24.11.2006

9:00 - 9:15
Begrüssung durch den Präsidenten der Stiftung
Dr. Rudolf Meyer

9:15 - 10:30
Interessen- versus Wertekonflikte. Ein Beitrag zur Ethik des Konflikts
Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin

11:00 - 12:15
Tötungskultur, Tötungsarbeit. Wie aus normalen Menschen Massenmörder werden.
Prof. Dr. Harald Welzer

14:30 - 15:45
Kultur und Konflikt aus geschichtsphilosophischer Sicht
Prof. Dr. Gabriel Motzkin

16:15 - 17:30
Kultur klebt alles. Oder nicht? Eine kleine historische Recherche zum Unverdaubaren
Prof. Dr. Valentin Groebner

18:30 - 19:30
Abendveranstaltung in der Sakristei der Jesuitenkirche: "Eine musikalische Reise durch Anatolien" - Performance für Musik und Wort.
Olgu und Murat Cevik

25.11.2006

9:00 - 10:15
Religion und Konflikt
Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann

10:45 - 12:00
Kulturkonflikt / Kultur im Konflikt: Anmerkungen zum zeitgenössischen Islam
Prof. Dr. Gudrun Krämer

13:30 - 14:45
Kultur und Gewalt. Robert Musil und die Kulturkritik der 20er-Jahre
Prof. Dr. Hans-Georg Pott

15:00 - 15:45
Plenum