Stiftung Lucerna
Tagung 2008

Bildverlust in der Wissensgesellschaft

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Die Vielfalt inner- und interkultureller Wechselwirkungen hat beschleunigt dafür gesorgt, dass bestimmte Weltbilder nicht mehr die Definitionsmacht für bestimmte Kulturentwicklungen beanspruchen können. Diese Entwicklungen verhelfen entsprechend den Bildwelten zu der relativ neuen Freiheit, nicht mehr festgelegt zu sein auf das, was sie darstellen, auf das, was man unzeitgemäss ihren ‚Gegenstand’ nennt. Die Bildwelten lösen sich von den Weltbildern. Das gilt bei weitem nicht nur für Bilder im engeren, kunsttheoretischen Sinne, wie wir bei so unterschiedlichen Malern wie Kandinsky, Mondrian oder Magritte („ceci n'est pas une pipe") lernen können, sondern dies gilt auch und gerade für Texte in ihren Eigenschaften als Sprachbilder von Bedeutungen.
Parallel zu dieser Autonomisierung der Bildwelten kann in der gegenwärtigen Gesellschaft ein Bilderreichtum festgestellt werden, der sich einer Massenproduktion und medialen Verbreitung von Abbildern verdankt. Die rasche technische Entwicklung der Medien führt zu einer Vielzahl von Darstellungen und Repräsentationen ohne originellen oder gar künstlerischen Anspruch. Dennoch sind diese Abbilder von omnipräsenter Aufdringlichkeit und Macht. Durch ihre markante öffentliche Präsenz zählen sie zu den am meisten verbreiteten Bildern und erhalten dadurch einen „sekundären Status", der das Bildverständnis wesentlich beeinflusst: Die (massen)medial integrierte Gesellschaft ist der Ort, an dem alles zum Bild wird, aber nichts mehr zur Darstellung kommt. Diese Omnipräsenz darstellungsloser Abbilder begünstigt erneut eine Transformation, diesmal jedoch in umgekehrter Richtung: Aus Bildwelten werden erneut Weltbilder und das heisst, aus referenzabhängigen Abbildern werden Ideologien, Kollektivüberzeugungen und Vorurteile. Der permanente Bildtransfer, die instantane Umsetzung aller Ereignisse in Bilder schüren die Illusion, dass sich die Realität in Bildern unmittelbar reproduzieren lässt. Je weniger das Bild darstellt, je mehr es Realität simuliert, desto authentischer scheint es. Wenn reale Kriegshandlungen wie Computerspiele aussehen, dementiert das nicht das Medium, sondern wertet es auf.
In dem Masse, in dem diese Illusion zu einer strukturellen, alltäglich durch TV und Internet visualisierten Wahrnehmung wird, verdrängt sie das Bewusstsein dafür, dass Bilder ihren Reichtum, ihre Aussagekraft, auch den Dissens, den sie provozieren, aus der Spannung von Bild und Wirklichkeit beziehen – die moderne Ubiquität der Bilder führt zum ‚Bildverlust’. Die Tagung „Bildverlust in der Wissensgesellschaft“ lädt qualifizierte Bildwissenschaftler und Vertreter aktueller Bild-Theorien verschiedener Disziplinen ein, dieser Spannung zwischen Bild und Wirklichkeit nachzugehen. Neue Zugänge für eine zeitgemässe Bildtheorie sollen formuliert und bestehende Konzepte kritisch hinterfragt und diskutiert werden.


ReferentInnen


Prof. Dr. Reinhard Brandt
Prof. für Philosophie
Universität Marburg

Dr. Rudolf Meyer
Präsident der Stiftung Lucerna

Prof. Dr. Werner Oechslin
Prof. für Kunst- und Architekturgeschichte
ETH Zürich

Prof. Dr. Enno Rudolf
Prof. für Philosophie
Universität Luzern

Prof. Dr. Christiane Schildknecht
Prof. für Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie
Universität Luzern

Prof. Dr. Ludger Schwarte
Assistenzprofessor
Universität Basel

Prof. Dr. Victor Stoichita
Prof. für moderne und neuzeitliche Kunstgeschichte, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft
Universität Fribourg

Prof. Dr. Martin Warnke
Prof.em. für politische Ikonographie
Kunstgeschichtliches Seminar, Universität Hamburg

Prof. Dr. Lambert Wiesing
Prof. für vergleichende Bildtheorie
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Prof. Dr. Beat Wyss
Senior Fellow am IFK Wien; Prof. für Kunstwissenschaft und Medientheorie
Staatliche Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe/IFK Wien




Tagungsprogramm


7.03.2008

9:00 - 9:30
Begrüssung durch den Präsidenten der Stiftung
Dr. Rudolf Meyer

9:15 - 9:30
Einführung
Prof. Dr. Enno Rudolf

9:30 - 10:45
Bilder als Lebensspiegel. Eine vormoderne Aneignungsmetaphorik
Prof. Dr. Martin Warnke

11:15 - 12:30
Das Denken und die Bilder
Prof. Dr. Reinhard Brandt

14:00 - 15:15
"Sichtbarkeitsverhältnisse" und die Notwendigkeit der Fiktion
Prof. Dr. Werner Oechslin

15:30 - 16:45
Mentales Bild - Sprachbild - Bild. Kontinuität und Differenz
Prof. Dr. Christiane Schildknecht

17:15 - 18:30
Die Nachträglichkeit der Bilder
Prof. Dr. Beat Wyss

8.03.2008

9:00 - 10:15
Bedingtes Sehen, gehindertes Sehen
Prof. Dr. Victor Stoichita

10:45 - 12:00
Bildobjekte. Zwischen Interpretation und Präsentation
Prof. Dr. Lambert Wiesing

12:15 - 13:30
Die Wahrheitsfähigkeit der Bilder
Prof. Dr. Ludger Schwarte